Irgendwas da draußen

oder „Die Rache der Fledermaus“

Prolog: Die Einsamkeit der Mörder

Irgendwas ist da draußen los. Sie sagen es nicht. Es könnte ein Virus sein, ein biologischer Angriff, ein außer Kontrolle geratenes Atomkraftwerk. Egal.
Papa sitzt da und stöbert in alten Kisten. Fotos, Briefe, Reise-Accesoires. Papa mit 17. Wollte die Welt erobern. War dann mal weg. Hatte eine Vision. Aber dazu später.

Langsam kommen wir Kinder in das Alter wo wir allmählich daran zweifeln, dass Papa in allem der Beste ist. Soweit so gut, denkt er, solange wir ihm nicht auch noch auf die Schliche kommen mögen, unser Vater könnte nicht nur nicht der Beste sein, sondern obendrein jegliche Verantwortung scheuen und vermutlich aufgrunddessen auch finanziell vollkommen erfolglos sein.

Unser Papa hat mal in einem Schwimmbad gearbeitet und lebt am Tag auf der Couch weil er nachts arbeitet. Und seine Arbeit besteht in erster Linie in der Begutachtung diversester Verschwörungstheorien … Wir Kinder sagen „Schreiben“ dazu. Papa schreibt. Unsinn oder was auch immer. Papa ist der Beste in allem. Punkt.

Objektiv betrachtet hat Papa womöglich jedoch einfach nur damit angefangen, Tagebuch zu schreiben. Heraus kommt dabei aber nur Grauenhaftes Zeug, das er niemals und wenn doch nur stark kaschiert veröffentlichen würde, wie er sagt. Man müsse für alles eine Person erfinden, der man sein Zeug in die Schuhe schieben könne, sagt er. Kürzlich habe ich z.B. Folgendes von ihm gelesen, für das er sich dann – seiner Theorie nach – wohl erst noch eine geeignete Person suchen müsste:

„Auch wenn ich nie gemobbt oder anderweitig ausgegrenzt worden bin, so richtig dabei war ich auch nie gewesen. Nichts wünschte ich mir doch sehnlicher, als das Gefühl irgendwo dazuzugehören. Irgendwie war ich immer schon etwas anders wie die anderen. Ich wurde geduldet, zuweilen womöglich belächelt und man ließ mich vielleicht nur aus Mitleid am Fußballspielen nach der Schule teilnehmen. Aber ich habe nie das erreicht, was ich so dringend gebraucht hätte – das feste Mitglied irgend einer (beständigen) Gruppe zu sein, was mich zwar auf meinen Weg als Künstler bestärkt, andererseits jedoch mit großer Frustration und Einsamkeit zu bezahlen war.“

Und ein paar Tage später las ich dann Folgendes, was man glaube ich schon fast als ein erstes richtiges Kapitel bezeichnen könnte:

1. Kerstin

Ich grabe wie ein Maulwurf nach dem bislang noch undefinierten Schlüsselpunkt, versuche einzelne Augenblicke meiner Vergangenheit mit dem Skalpell der Erinnerung zu sezieren oder wie ein Archäologe behutsam mit dem Pinsel freizulegen. Mag es womöglich jener Abend am Ende eines der unzähligen langen Tage gewesen sein, die ich – wie so oft – bis weit nach Sonnenuntergang im Nachbarort verbracht hatte? Bis Mutter mich anrief, ich müsse jetzt endlich nach Hause kommen. War es etwa jene Minute, in jener Stunde zwischen 22 und 23 Uhr, nachdem ich bei Kerstin soeben auf der Toilette zum ersten Mal ihre Tampons entdeckt und mich anschließend schweigend zu ihr auf’s Bett gesetzt hatte? Angenehm vitalisiert durch den Gedanken mit Kerstin nun ein aufregendes Geheimnis zu teilen, mittels dem ich jetzt „eingeweiht“ und damit den anderen Jungs weit voraus war. Noch heute ringe ich nach den Worten, die ich schon damals nicht fand, als ich da verschüchtert auf ihrem Bett saß, wie ein Sechsjähriger, der durch Zufall in einem Freudenhaus gelandet ist. Heute noch bin ich davon überzeugt, ganz nah dran gewesen zu sein und dass nur noch ein paar Sekunden gefehlt hätten, als ich damals neben ihr sitzend vergeblich nach Worten suchte. Bis eben dieses Telefon klingelte. Oder war die Schlüsselszene am Baggersee? – Sie in ihrem alten roten Badeanzug, auf der noch älteren Luftmatratze liegend, nachdem sie mir gerade eben – nicht ohne Stolz – vorgeführt hatte, an welcher Stelle des Baggersees man am Besten hineinhechten konnte. Als ich ihr hinterher in die Mitte des Sees schwamm und mich nicht getraut hatte sie an den Füßen zu packen und von ihrer Luftmatratze ins Wasser zu ziehen um nur ein paar alberne Augenblicke später die kleine, schwimmende Insel mit ihr teilen zu dürfen. Oder aber jener Abend, als ich auf der Faschingsparty im Wohnzimmer meiner Eltern mit ihr tanzte? Ich war so unsterblich verliebt, dass es mir heute noch regelrecht körperliche Schmerzen bereitet ihr damals nicht näher gekommen zu sein. Vielleicht wäre dann ja alles ganz anders gekommen. Vielleicht hätte ich – womöglich nicht durch diesen ersten, großen Mißerfolg frustriert – nie damit beginnen müssen, tausende dämlicher Pornos mit höchstwahrscheinlich von ihren mißbrauchenden Sexualpartnern derbe frustrierten Frauen zu schauen, um diese und sämtliche nachfolgenden Entbehrungen irgendwie zu überleben. Vielleicht wären wir auch glücklich zusammengekommen und hätten uns dann aber irgendwann unglücklich getrennt, weil es plötzlich einen anderen gegeben hätte oder ich aus anderen Gründen nicht mehr interessant für sie war. Vielleicht wäre ich an diesem Herzschmerz ja zerbrochen und hätte mir im Zuge dessen das Leben genommen. Wer weiß. Für was ist etwas gut weil es so war, wie es eben ist?

Papa sagt, die Nazis hätten alle einen an der Waffel und dass er aber dennoch hin und wieder das glaubt, an was Nazis leider auch glauben, dass nämlich grundsätzlich zumindest die Möglichkeit besteht, dass es irgendwo immer auch mal eine Verschwörung geben könnte, hier und da. Zum Beispiel eine Weltverschwörung. Aber er sagt auch, dass daran nicht irgendwelche Leute, sondern das System schuld daran sei, welches man jetzt „langsam aber mal dringend ändern“ müsse bevor noch die ganze Welt den Bach runter ginge und so.

Nach dem Kapitel „Kerstin“ hat er sich übrigens noch Folgendes notiert und ich frage mich schon, warum er sich jetzt „Raphael Vogt“ nennt. Wenn ich das in die Suchmaschine eingebe – die nicht „Google“ heißt, da Papa diese „Scheiße“ findet, sehe ich nur tausend Einträge von einem Schauspieler. Warum um Himmels Willen nennt er sich dann aber trotzdem so … wie mein Papa?

2. Der größte Schmerz (auch als Klappentext)

Plötzlich war sie tot und hat etwas von mir mitgenommen. Eben jenen vermissten Augenblick der nie vollzogenen Trennung von ihr. Nie hatte ich als Jugendlicher nach Hause kommen und sagen können, dass ich nun ein Mädchen hätte, mit dem ich zusammen war. Nie hatte sie deshalb spüren können, wie ich ohne auch nur ein einziges Wort zu verlieren zu ihrem Herzen gesprochen hätte „Mutter, ich brauche dich nun nicht mehr, ich bin jetzt erwachsen“. Das ist wohl der größte sämtlicher Schmerzen.

(Raphael Vogt / Irgendwas da draußen)

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