die kunst der metamorphose

„alle kunst heißt sterben lernen“ horst jannsen und das (künstler)ego

Zum einen: Wenn wir es ehrlich mit uns meinten, müsste die Gesellschaft im Großen, wie ich in meiner künstlerischen Arbeit im Kleinen, eingestehen, dass unsere (künstlerische) Welt in jeder Hinsicht nach dem Kollektiv strebt und immer wieder von Neuem aus ihm geboren wird. Ohne dabei meine Individualität opfern zu müssen, lerne ich als Künstler, wie Gedanken im Austausch mit anderen über sich selbst hinauswachsen, sich verändern oder „sterben“ um in etwas viel Grösserem „wiedergeboren“ zu werden. Jedoch entgegen dem Drang nach Fusion auf materieller Ebene (und einer damit einhergehenden bewußt forcierten Überbewertung was Kapital und eine virtuell überreizte Sexualität betrifft). Aber auch entgegen religiösen Heilsversprechungen unzähliger, von der allgemeinen Orientierungslosigkeit profitierender Lichtbringer und Halbgötter (und meine damit den Fundamentalismus jeglicher Art).

„alles fließt“ heraklit, schöpfung und die bewegte klarheit des wassers

Zum anderen: Alles was es gibt war irgendwie schon einmal da. Fragezeichen. Das stimmt. Bedingt. Pauschal zusammengefasst, entwickelte sich die Kunst vom frommen Abblid über die moralische Provokation bishin zum Medium der reinen Interpretation. Wie die Welt ihren Schöpfungs/Evolutionsprozess durchwandert hat und noch immer tut, so auch der Mensch und letztendlich – die Kunst. Nach der Kindheit, mit Kopieren, Lernen, Infragestellen folgt die Zeit der Selbstfindung, zwischen (kreativer) Implosion bzw. Explosion und Regression, gar Depression.
Von (den) Gegensätzen gebeutelt und vollkommen reizüberflutet stelle ich mir als Künstler die Frage: Begrenzt mich / uns das Gefühl, dass es nichts wirklich Neues mehr gibt, was innovativer wäre als das bereits Vorhandene oder begrenze(n) ich mich / wir uns selbst vielmehr durch unser pseudo-liberales Kunstverständnis und im Umgang mit den bereits vorhandenen Medien?

„jeder ist ein Künstler“ beuys und die aufrichtige erkenntnis sozialer Verantwortung.

Vernetzung ist nötig, birgt jedoch auch die Gefahr der Vereinheitlichung, Verletzung, Verniedlichung in sich. Dann wird Verdichtung schnell zur Vernichtung. Ein Land ohne Grenzen ist wie ein Land voller Grenzen. Dasselbe gilt similar für Politik und Wissenschaft, jegliche religiöse Weltanschauung und eben auch für das menschliche Leben an sich und – die Kunst. Um auf Beuys zurückzukommen: Wie so viele schlaue Sätze wurde sein Zitat „Jeder ist ein Künstler“ auch gerne missverstanden. Ich würde sagen: Jeder verfügt über ungeahntes kreatives Potential. So gesehen trägt es ein Stück weit Erlösungscharakter mit sich, indem es den Pathos der Genialität, zumindest ein wenig, entmystifiziert. Das Ego strebt nach „sterben lernen“ wenn wir uns – entgegen unzähliger indoktrinierter Ängste – endlich die Suche nach einer tiefgehenden, eigenen (künstlerischen) Identität zugestehen. Wäre es nicht ein klein wenig mehr Himmel auf Erden, wenn wir endlich damit anfingen, die anderen zu achten, jedoch auf uns selbst zu hören, intuitiv. Um meinen philosophischen Dreiklang abzurunden möchte ich den vorangegangenen Zitaten noch hinzufügen: „Und es lebe der Mensch!“

Raphael Vogt 2004

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