Kunstprojekt “Migrantenstadl” von Tunday Önder

Sehr geehrte Frau Önder,

ich habe von Ihrem Kunstprojekt über eine soeben im Radiosender Bayern 2 gehörte Sendung mit dem Tital “Freitagsforum” erfahren. Nach anfänglicher, vordergründiger Erregung über Ihre Aussage “Biodeutsche” stellten in Bayern / Deutschland mittlerweile eine Minderheit dar, woraus für die von Ihnen sinngemäß als “Dominanzgesellschaft” o. so ä. tituliertes Synonym für diese Gruppe dafür Ihrer Meinung nach eine Änderung der Machtverhältnisse zu akzeptieren sowie desweiteren - soweit ich mich recht entsinne - selbst die eigene Integration mehr ins Auge zu fassen habe. Erst durch eine meiner anfänglichen Erregung und meiner Intention in eher negativer Weise darauf zu reagieren zwischengeschaltenen Recherche hat sich mein ursprüngliches Vorhaben umgekehrt.

Ich habe meine Meinung revidiert und muß Ihnen hiermit sogar meine ausgesprochene Faszination und Bewunderung für Ihre voreilig als negativ bewerteten Aussagen zum Ausdruck bringen. Gerade im Kontext Ihres Kunstprojektes finde ich diese provokative Spiegelung der von der “Dominanzgesellschaft” ausgeübten Unterdrückung auf Migranten äußerst einleuchtend und konstruktiv.

Trotzdem muß ich Ihnen gerade aufgrund der schockierenden Erfahrung meiner eigenen Reaktion auf einzelne Fragmente des von Ihnen mitgestalteten Radiobeitrags auch eine zumindest theoretische Nachvollziehbarkeit für die allgemein als etwas gröber wahrgenommenen Reaktionen rein emotional geschalteter Hirnbereiche gestehen. Es liegt mir also zugegeben umso ferner, mir die gerade in intellektuellen Kreisen verlockend propagierte Einschätzung Vorurteile ausschließlich in einem Mangel intellektueller Differenzier- und Reflektierfähigkeit begründet zu sehen selbst einzuverleiben.

Ich halte zur Verteidigung gegenüber den sich in einer unheimeligen Spannung befindenden Meinungspolen einen Gesellschaftsentwurf für gerechtfertigt, der sich einerseits sehr wohl im Wissen um die identitäre Bedeutung biodeutscher Kultur für die Dominanzgesellschaft in Verantwortung sieht wie z.B. die CSU, andererseits - wie durch Bündnis 90 / Die Grünen vertreten - selbstredend um ein Gleichgewicht bemüht ist, Migranten mit dem “Status” Biodeutscher und der Anerkennung deren kulturell-sozialer Bedürfnisse in absoluter Konsequenz gleichzustellen und als äußerst normale, wertvolle Bereicherung wahrzunehmen.

Ich erlaube mir die Vermutung, das Sie dies jenseits der provativ-sprachlichen (als künstlerisches Stilmittel angewandten) Ebene ähnlich sehen werden wie ich?

Geht es doch um mehr als Kunst, sehr wohl natürlich als Mittel zum Zweck. Geht es doch vielmehr um den Energieentzug gesellschaftlicher wie politischer neo-nationalistischer Tendenzen die ich nicht zuletzt auch in oben erläuterter Zuspitzung gesellschaftlicher Spaltung begründet sehe.

Würde mich freuen von Ihnen zu hören!

Herzlichst

Raphael Vogt, Künstler (Oberbayern)

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