die tiefe des beckens / fragmente

Zimmer 15,

ich schalte den Fernseher an. Olympia. Ein Schwimmer der USA, 23 Jahre alt, trainiert sechs Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Welch ein beneidenswerter Ehrgeiz! Aber zu meiner Erleichterung erfahre ich durch den Kommentator auch, dass der Supermann das Leben noch lernen müsse, zum Beispiel den Unterschied von Geschirrspülmittel und Flüssigseife. Durchaus ein Trost. Ich schalte den Fernseher aus, versuche noch ein wenig zu schlafen, was mir aber nicht gelingen will, da ich zu große Angst habe, das Frühstück zu verpassen. Es ist 7 Uhr 50, Frühstück gibt es bis zehn und es war eine kurze Nacht.

Ich schalte den Fernseher ein. Wieder Olympia. Diesmal: Synchronspringen. Ich versuche die Bewertungen der Kampfrichter nachzuvollziehen. Vergeblich. Ich kann nicht den geringsten Unterschied zwischen den Leistungen der unterschiedlichen Mannschaften erkennen. Ich muss bei allen den Hut ziehen, die Luft anhalten und staunen. Wenn die Kamera nicht ihre Gesichter einfangen würde, würde ich wahrscheinlich nicht bemerken, dass es nicht immer dieselben Springer sind. Denn für mich sehen sie alle gleich aus. Gleich gut, mutig, stark und für meine Maßstäbe irgendwie übermenschlich. Sie machen zigfache Salti und Schrauben vom Zehnmeterbrett. Ich kriege schon weiche Knie, wenn ich den Dreimeterturm besteige und Kopfsprünge wage ich allenfalls vom Startblock. Aber wann schwimme ich schon! Ich bin heilfroh, dass ich noch nie jemanden retten musste!

Ich betrete den Frühstücksraum zusammen mit einer Frau und deren Dalmatiner. Fünf gedeckte Tische, mit mir ist nun der vierte besetzt, drei davon einzeln. Nur ein Paar am anderen Ende des Raumes. Die Frau mit Hund ist eine Geschäftsfrau wie ich aus einem Gespräch zwischen ihr und dem Hotelier schließen kann. Und sie einigen sich im Austausch ihrer Erfahrungen darauf, dass man im Alter doch an Kraft verlieren würde. Mir schwant Schlimmes. Was wird das denn für mich bedeuten? Ich hoffe eindringlich, mein Organismus möge ein Phänomen sein, das diese Theorie durch seine Umkehrung widerlegen wird.


Ich gehe

etwa drei Meter an der kurzen Seite des Beckens entlang und im Anschluß wieder zurück. Dann etwa 15 seitlich, die lange Beckenseite entlang. Oft zähle ich die Schritte. Denn es kommt – glücklicherweise – nur sehr selten vor, dass etwas passiert. Hier ein Platschen, dort ein Geschrei. Alle fünf bis zehn Minuten werfe ich einen Blick hinüber, zur großen Bahnhofsuhr. Diese hängt unter dem Scheinwerfer am Flutlichtmasten, welcher sich automatisch in der Dämmerung einschaltet, um das Außenwarmbecken, meiner Meinung nach jedoch nicht besonders romantisch, ins rechte Licht zu setzen. Jeder kennt das. Je öfter man auf die Uhr guckt, desto langsamer vergeht die Zeit. So scheint es zumindest. Aber warum sollte etwas, das nur so scheint nicht letztlich doch Wirklichkeit sein?

Ich habe alles andere ausgeschaltet. Ich sitze im Zug und schreibe, wobei mir die Welt ruhiger erscheint wie zuhause nach Mitternacht im Schein meiner kleinen Schreibtischlampe. Die Welt ist natürlich nicht wirklich ruhiger. Ich sitze im Großraumabteil eines überfüllten Wochenendzuges auf einem Klappsitz zwischen vorwiegend jungen Leuten, schweren Rucksäcken und Fahrrädern. Die Türen öffnen und schließen sich alle paar Minuten, da die Regionalbahn offenbar in sämtlichen Dörfern hält. Wenn sich die Türen öffnen riecht es nach Bremsabrieb, doch ich kann mich hier besser konzentrieren, da sich die Welt um mich herum bewegt und meine Hand ein Teil dieser Bewegung wird. Es drängt sich nichts zwischen Hand und Kopf wie in der seelenvollsten Ruhe, zuhause am Schreibtisch.

Ich betrachte mein Auto in der Schrottpresse. Eine nackte Glühbirne schaukelt an einem langen Kabel über meinem Kopf hin und her und bewegt seinen Schatten hinter sich, während das Auto unter Krächzen gestaucht wird und sich der Bug nun allmählich nach oben aufbäumt. Der Fahrgastraum schrumpft unter dem Gestöhn der sich biegenden Bleche, bis er schließlich ganz verschwindet. Ein letztes Rumpeln, gefolgt vom Flackern der Glühbirne. Mein Auto ist zu einem fast quadratischen, tonnenschwerem Klotz geworden. Ich fühle das starke Bedürfnis, umgehend die Halle zu verlassen.

Diese Lichter nachts,

überall, die machen mich ganz sentimental. Und ich frage mich, besonders wenn es draußen stockdunkel ist und die letzten Badegäste nach der Durchsage das Bad verlassen haben, während ich noch einmal eine letzte Kontrollrunde im Freien um die von den sanften Lichtkegeln der Scheinwerfer erleuchteten Becken drehe: Liegt dort irgendetwas am Beckengrund? Hat irgendwer irgendetwas beim Schwimmen verloren? Dann suche ich noch ein letztes Mal den Boden der Edelstahlbecken ab, meine Augen wandern, scannen jeden Zentimeter ein, während ich immer wieder verzaubert innehalte und sich mein Blick für einen Augenblick in den geräuschlos tanzenden Luftblasen verliert, welche anmutig ruhig aus der Einströmleiste am Beckengrund aufsteigen. Und ich frage mich: Was mag am Grund des Ozeans verborgen sein, am Beckenboden der Weltmeere?

*

Der vollständige Text erscheint übrigens derzeit (vierzehntägig) in insgesamt zehn Teilen auf
petra-oellinger.at/salon (unter “Literarische Gäste” oder auch im “Duftenden Doppelpunkt”)

2 Reaktionen zu “die tiefe des beckens / fragmente”

  1. IchEben

    Bezaubernde Fragmente! :-)
    Vielleicht ist es das Besondere, dass wir nicht wissen, was es dort gibt. Was dort auf uns wartet. Wir können suchen, vermuten, träumen…Was auch immer…

  2. Roeder

    Lieber Herr Vogt, von mir auch genannt Herr Mond,
    heute ist Valentinstag. Der Tag der Liebenden wie man sagt, kommt von England ürsprünglich. Naja was will ich sagen. Wollte dir halt heute was schreiben, damit du siehst, dass das was du da alles machst mir nicht egal ist.
    Finde den Text sehr gut und will mehr lesen darüber. Mehr lesen über das Leben und die Gedanken eines Bade/Schwimmmeisters oder Rettungsschwimmers. Der Text ist sehr tiefgründig und verständlich und sentimental (naja fällt kein besseres Wort für das aufkommende Gefühl ein).
    Deine Frau Friederike Roeder
    Frau Sonne

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